... ... ...

Von den Menschen hinter den Dingen

Für viele Anwohner*innen hat Sachbeschädigung nicht nur eine materielle Dimension, sondern vor allem eine emotionale

von Barbara Plagg*

Am Wochenende kann Elisabeth kaum schlafen. Besonders in den Sommermonaten steht sie nachts immer mal wieder am Fenster, weil Feiernde auf der Durchreise in die Peripherie der Stadt mutwillig fremdes Eigentum zerstören. Die Bilanz der letzten Jahre ist beeindruckend: eingetretene Autotüren, brennende Müllcontainer, gestohlene Gartendekorationen, zerstörte Blumenbeete, abmontierte Autokennzeichen. Die immer wieder verursachten Schäden kosten den Betroffenen Geld, Zeit und Energie. Elisabeth und Giacomo wohnen mit ihrer Tochter an einem neuralgischen Punkt auf der Durchreise zur Disko. Der Garten im Hinterhof ist sorgfältig gepflegt, liebevoll zieht Elisabeth Kräuter, Salat und Gemüse. Der kleine Garten vor dem Haus ist vergleichsweise karg. Ein paar Gartenzwerge verstecken sich hinter der Hecke, von der Straße aus sind sie nicht zu sehen. Wichtig wäre es ihr schon, den Eingangsbereich gemütlich und einladend zu gestalten, sagt Elisabeth in ihrer ruhigen Art. Aber die aufgestellten Vasen überleben nur selten das Wochenende. Ihnen sei geraten worden, nichts mehr anzubringen, was leicht zu entfernen oder zu zerstören ist, erzählt Giacomo.

Kein Kavaliersdelikt
Aber warum sollte man sich auf seinem Grund und Boden nach der Willkür Fremder richten und seinen Raum nicht nach seinen Wünschen gestalten können? Für die, die am Ende der Sachbeschädigung stehen, ist das Ganze kein Wochenendscherz, kein Kavaliersdelikt, das sich mit dem Verräumen des Schadens erledigt und schnell vergessen ist. Neben dem materiellen Schaden ist es vor allem die emotionale Belastung, die mit der wiederholten Beschädigung des Eigentums und der nächtlichen Ruhestörung einhergeht. „Wir wollen nur ein bisschen Frieden“, sagt Giacomo, Elisabeths Mann, „und unsere Wochenenden in Ruhe genießen.“ Wer sonntags die Scherben der Samstagnacht verräumen muss, hat allerdings keine Ruhe. Der materielle Schaden ist das eine, der zeitliche Aufwand das andere. Und sind die Scherben beseitigt, der Brand gelöscht, das Auto beim Mechaniker, die Zaunpfähle wieder aufgestellt, dann bleibt die Wut und auch die Hilflosigkeit darüber, dass der Frieden und die Ordnung nicht von Dauer sein werden: Das nächste Wochenende kommt bestimmt. Mit der Zeit wird man dünnhäutig, hört genau hin, schläft schlecht. Hat die Stadt Grund zu feiern, wie etwa beim Altstadtfest oder beim langen Donnerstag, haben Elisabeth und ihre Nachbarn Grund zur Sorge. Denn befindet sich die Stadt in Feierlaune, ist das Eigentum der Bewohner*innen und der Allgemeinheit der Zerstörungswut ganz besonders ausgesetzt.

Wir-noi-photos_1
"Wir wollen nur ein bisschen Frieden" (Foto: Arno Dejaco)

Die Frage nach dem Warum
Oft ertappen Elisabeth und ihre Nachbarn die Täter auf frischer Tat, denn geht etwas kaputt, ist das meistens mit Lärm verbunden. Wenn es wieder klirrt, steht Elisabeth und manchmal auch ihr Mann am Fenster und versucht zu intervenieren, zu verscheuchen, zu kommunizieren. Dabei fragen sie die Jugendlichen auch mal, warum sie nun eigentlich tun, was sie gerade tun. Antwort bekommen sie meist keine, die Täter laufen davon oder rufen beleidigende Worte aus sicherer Entfernung zurück. „Bei allem Verständnis für die Befindlichkeiten der Jugend“, sagt Elisabeth leise, „ist das gerecht?“ Tatsächlich nimmt das Verständnis der Betroffenen für die Feiernden indirekt proportional zu den Schäden ab: „Natürlich wollen sich die Jugendlichen amüsieren und sind auf dem Weg zur Disko nicht immer ruhig und achtsam. Aber warum das Eigentum anderer kaputtmachen? Woher diese sinnlose Wut?“, fragt Giacomo kopfschüttelnd. Die Antwort bleiben die nächtlichen Täter ihren Opfern schuldig. Ein Mädchen habe ihr mal geantwortet, sie sei eben so betrunken, erzählt Elisabeth. Luca, der sich ebenso wie Giacomo für mehr Sicherheit in seinem Viertel engagiert, schüttelt den Kopf. Er sieht hier eine wichtige Aufgabe für die Eltern: Den Jugendlichen und Kindern klar machen, dass Anstand keine Frage der Tageszeit oder des Gemütszustandes ist, sondern eine Überzeugung, mit der man sich in die Gesellschaft integriert und damit das erreicht, was uns Menschen üblicherweise wichtig ist: geschätzt, respektiert und ernst genommen zu werden. Das mag ein Lernprozess sein, der nicht von heute auf morgen passiert, aber währenddessen wäre es wünschenswert, dass so wenige Mülltonnen wie möglich brennen – sie helfen nämlich nicht, den Weg ins Erwachsenwerden zu erleichtern, respektiert oder ernst genommen zu werden. Jung zu sein ist eine Herausforderung, aber kein Ausnahmezustand, der wochenends in regelmäßigen Übergriffen gipfeln muss, sind sich die Betroffenen einig. Jugend rechtfertigt nicht, permanent die Grenzen anderer zu verletzen, weil man seine eigenen noch sucht. „Vielleicht fehlen den jungen Menschen die Ideale“, versucht sich Luca in einer Erklärung, „vielleicht fehlt der Dialog in den Familien.“

Es geht um Respekt
Hypothesen haben die Betroffenen viele, mit denen sie versuchen, sich die Scherben vor ihrer Haustür und die eingetretene Autotür auf dem Privatparkplatz zu erklären. Denn will man das Ausufern vermeiden, muss man verstehen, was dazu führt. Aber der Wunsch nach einer Erklärung scheitert an den flüchtenden Tätern. Die Frage nach dem Warum beantworten sie nicht, vielleicht aus Feigheit, vielleicht, weil sie selbst keine wirkliche Erklärung dafür haben. Ist es schlicht der Alkohol und der banale Versuch, etwas Verbotenes zu tun? Ist es die Gruppendynamik oder fehlt der Jugend der Stadt der Raum zum Feiern? Die unterschiedlichen Motive für Vandalismus bleiben für die Betroffenen im Dunkeln und scheinen vielseitig wie die vandalistischen Akte und deren Akteure selbst: Mädchen wie Jungen, aus guten wie aus weniger betuchten Familien, Italiener wie Deutsche wie Ausländer können die Anrainer/innen nachts vor ihren Haustüren identifizieren. „Die meisten Täter sehen nicht so aus, als würde es ihnen an etwas fehlen“, erzählt Giacomo, „nicht an teuren Klamotten und nicht an Smartphones.“

Alle verlieren
Und trotzdem scheint etwas ganz massiv zu fehlen: Der Respekt vor anderen Leuten. Denn die stehen immer hinter den Dingen, die nachts so gut kaputt zu machen gehen. Sachbeschädigungen gehen damit weit über die Zerstörung des Gegenstandes hinaus – sie schädigen finanziell und emotional letztlich immer die Menschen, die zu ihnen gehören.
Nach dem Altstadtfest letztes Jahr war das Maß des Erträglichen für Giacomo und Luca voll. Mit einem offenen Brief, ein Protokoll der jahrelangen Beschädigungen und die Forderung nach mehr Sicherheit, haben sie sich an ihre Nachbarn gewandt und die Kräfte gebündelt. Allein in ihrem Viertel hatten sie rasch 218 Unterschriften gesammelt. „Wir fühlen uns nicht geschützt, der Willkür irgendwelcher Menschen ausgesetzt, die selbst nicht so genau zu wissen scheinen, warum sie eigentlich tun, was sie tun“, sagt Elisabeth. Das Dilemma der Betroffenen spielt sich damit auf zwei Seiten ab: Einerseits sind sie der Mutwilligkeit von Fremden ausgeliefert, andererseits fühlen sie sich vom Staat, dessen Aufgabe es ist, seine Bewohner und deren Eigentum zu schützen, nicht unterstützt und in ihren Nöten ernst genommen. Die Forderung nach Kameras, mehr Polizeipräsenz und ein härteres Durchgreifen der Exekutive und Judikative bezahlen im Endeffekt alle Bewohner/innen Brixens – ob jung oder alt, ob man nun gern etwas kaputt tritt oder nicht: Der Raum aller wird dadurch verändert, restriktiver und kontrollierter. Wer Raum für sich in Anspruch nimmt, aber keinen Respekt vor dem der anderen und der Allgemeinheit hat, zeigt damit nicht nur wenig Empathie für die Nöte der Betroffenen, sondern auch geringe Weitsicht für die eigene Situation.

Die Stadt gehört uns allen
Letztlich ist es eine logische Notwendigkeit, dass sich die Betroffenen zur Wehr setzen und ihr Recht auf Ruhe und Ordnung einfordern. Und können sie das nicht in der Kommunikation mit den Tätern, ist es die Staatsgewalt, die zum Einschreiten aufgefordert wird. Mit der Installation von Kameras und Behördenpräsenz in den Nachtstunden sinkt bekanntlich die Rate der vandalistischen Akte – oder verlagert sie zumindest in andere Stadtgebiete. Damit führt das Übertreten einiger Weniger zur pauschalen Verdächtigung aller, die in der Zunahme von Überwachungsmaßnahmen und Sanktionen gipfelt. „Dabei kann man selbstverständlich nicht alle unter Generalverdacht stellen“, sagt Giacomo, „denn die Mehrheit schafft den Weg durch das Viertel, ohne fremdes Eigentum zu beschädigen.“ Neben der Verärgerung über die Schäden, zeigt sich bei den Betroffenen auch Ratlosigkeit darüber, wie ein friedliches Miteinander ohne sinnlose Zerstörung gewährt werden kann. Letztendlich gehört die Stadt uns allen, sie lässt uns Raum, den wir selbst zu gestalten verantworten und in dem unterschiedliche Menschen und Lebensentwürfe durchaus gleichwertig nebeneinander existieren dürfen. Denn wenn sämtliche Bewohner*innen und Besucher*innen Brixens den Dingen und Menschen
mit Respekt begegnen, dann wäre problemlos Platz für beides: Für die unterschiedlichen Menschen mit ihren unterschiedlichen Abendgestaltungen und für die Dinge, die dann zwischen den Fronten nicht kaputt gehen müssten.

* Barbara Plagg ist Wissenschaftlerin und Lehrbeauftragte an der Freien Universität Bozen. Sie lebt in Brixen.
 
Mittwoch, 8. November 2017

Die Stadt Brixen folgt mit der internationalen Auszeichnung „Alpenstadt des Jahres“ den Städten Tolmezzo (I/2017), Tolmin (Sl/2016) und Chamonix (F/2015)


>>>>>

alpenstadt-impulsworkshop
Gemeinde Brixen | Große Lauben, 5 | I-39042 Brixen | Südtirol-Italien | Tel. +39 0472 062000 | Fax +39 0472 062022 | info@brixen.it | brixen.bressanone@legalmail.it ...