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Warum passiert Vandalismus?

„Eine alleinige Ursache gibt es nicht.“ Ein Gespräch mit Lukas Schwienbacher, dem Koordinator der Fachstelle Gewalt im Forum Prävention

Lukas Schwienbacher ist in seiner Tätigkeit als Koordinator der Fachstelle Gewalt im Forum Prävention auch mit dem Thema Vandalismus konfrontiert. Warum aber passiert Vandalismus? Eine Antwort auf diese Frage zu finden ist nicht einfach, denn es gibt unterschiedliche Gründe, die in einer Wechselwirkung zueinander stehen.

Herr Schwienbacher, was steckt eigentlich hinter dem Phänomen Vandalismus?
Lukas Schwienbacher: Die Antwort schlechthin auf diese Frage gibt es nicht. Um dieses Phänomen verständlich zu machen, muss man einen Blick hinter die Kulissen werfen. Diese Erläuterung soll aber nicht als Entschuldigung angesehen werden, denn Gewalt und Vandalismus sind grundsätzlich abzulehnen. Problematisch ist es allerdings, wenn Vandalismus ausschließlich als Jugendphänomen gesehen und als solches thematisiert wird.

Sind es denn nicht meist Jugendliche, die Vandalenakte begehen?
Keinesfalls. Es stimmt schon, dass viele junge Heranwachsende an Vandalenakten beteiligt sind. Manche werden aber auch von Erwachsenen durchgeführt – zum Beispiel, wenn Geschwindigkeitsmessanlagen oder Toiletten zerstört werden. Auch einige Graffiti-Sprayer sind Erwachsene. Studien in diesem Bereich zeigen, dass die meisten Jugendliche Gewalt und Vandalismus ganz klar ablehnen und nicht ausleben. Gerade durch die Betitelung als „Jugendphänomen“ besteht allerdings die Gefahr einer Stigmatisierung, und man bekommt den Eindruck, Vandalismus sei ausschließlich ein Jugendproblem. Das ist nicht der Fall.

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„Vielfach besteht der Eindruck, Vandalismus sei ausschließlich ein Jugendproblem. Das ist nicht der Fall“ (Foto: Arno Dejaco)

Man schert also ungerechterweise alle Jugendlichen über einen Kamm?
Grundsätzlich möchte ich darauf hinweisen, dass eine solche Generalisierung und Kategorisierung problematisch ist. Zudem bleibt bei der Betitelung des Vandalismus als „Jugendphänomen“ die Frage nach dem Alter offen. Sind die Jugendlichen nun bis zu 14 Jahre alt, sind sie 18 oder schon 25? Eine Differenzierung wäre hier dringend notwendig, um auch Rückschlüsse auf die Ursachen zu bekommen. Denn: Nur indem man die Situation und die Vorfälle einzeln analysiert, kann man verstehen, warum Vandalismus stattfindet – und darauf auch gezielte Präventions- und Interventionsmaßnahmen planen. Die Differenzierung und Analyse kann dabei helfen, Wege zu finden, um auf die Motive zu schließen. Wenn man sich auf die Suche nach Motiven für Vandalismus begibt, schälen sich verschiedene Stränge heraus, die die Täter beeinflussen oder mitbeeinflussen. Diese Auslöser können durchaus auch in Wechselwirkung zueinander stehen.

Es gibt also nicht die „eine“ Ursache?
Eben nicht. Eine Rolle spielt zum Beispiel die Wertehaltung. Es gibt einzelne Personen, die Gewalt und Vandalismus nicht verabscheuen und der Beschädigung von fremdem oder öffentlichem Eigentum mit Gleichgültigkeit entgegen treten. Ein anderer Grund kann Alkohol sein. Vandalismus tritt nun einmal häufig als Folge von übermäßigem Alkoholkonsum auf, weil die Hemmschwelle fällt und Situationen nicht mehr richtig eingeschätzt werden können.

Welche Rolle spielt die Gruppendynamik?
Junge Menschen und Heranwachsende wollen zu einer Gruppe dazugehören; sie suchen gemeinsame Erlebnisse und Bestätigung der eigenen Person. Das ist natürlich wichtig für die Entwicklung des Selbstwertgefühls und fürs Erwachsenwerden. Dominiert in der Gruppe jedoch ein bestimmtes Maß an Aggressivität und besteht eine Tendenz zur Devianz, können einzelne Gruppenmitglieder diese destruktiven Verhaltensweisen übernehmen. Aus dieser Dynamik heraus kann es dann zu Vandalenakten kommen – zum Beispiel in Form von Mutproben, bei denen es darum geht, etwas Verbotenes zu tun. Zudem weiß man aus der Risikoforschung, dass in der Gruppe leichter Grenzen überschritten werden. Das ist im positiven wie auch im negativen Sinne zu verstehen.

Oft ist von blinder Wut die Rede ...
Das kann natürlich auch sein. Ich denke hier an Wut über empfundene Ungerechtigkeit, die einem widerfährt, oder an Enttäuschung, wenn man vom Umfeld nicht gesehen wird. Ein nicht adäquater Umgang mit dieser Wut kann negative Folgen haben und unter Umständen nach außen kanalisiert werden. Auch Frust, der sich in verschiedenen Kontexten entwickelt
und mit der Zeit aufstaut, ist einer der Auslöser für Vandalenakte. Der Druck steigt dann wie in einem Dampfkessel. Im Wechselspiel mit anderen Gründen kann es zur Entladung kommen. Dann hängt es davon ab, ob diese Person ein Ventil wie zum Beispiel Sport oder Bewegung hat. Wenn nicht, sind negative Folgen möglich. Eine weitere Ursache kann auch Langeweile sein, der Wunsch nach Unterhaltung, das Bedürfnis, etwas zu tun und cool zu sein. Aktionen beginnen dabei oft mit Kleinigkeiten. Ein letzter Punkt, der als Auslöser mitspielen kann, ist die fehlende Einbindung in Freizeitstrukturen oder wenn kein passendes Freizeitprogramm vorhanden ist.

Trotzdem: Entschuldigen lässt sich Vandalismus dadurch noch nicht.
Natürlich nicht. Grundsätzlich hat sich in der Gesellschaft im Laufe der Zeit die Sensibilität gegenüber Vandalismus verändert: Was vor Jahren noch als Lausbubenstreich belächelt wurde, wird heute anders bewertet – zu Recht! Auch im Bereich von Gewalt hat eine sehr starke Sensibilisierung stattgefunden, und das ist auch gut so. Wenn Gewalt oder Vandalismus nun von der Gesellschaft anders bewertet werden, sind notgedrungen auch die Konsequenzen für die Beteiligten andere. Ich denke schon, dass es wichtig ist, Grenzen und Konsequenzen für diejenigen zu setzen, die Dinge bewusst beschädigen oder zerstören.

Was, wenn es keine Konsequenzen gibt?
Das könnte dann wie eine Einladung für abweichende Verhaltensweisen wirken. Auf der anderen Seite sollten wir junge Menschen, die eine kleine Regelüberschreitung begangen haben und dies auch bereuen, die Chance einräumen, die Sache wieder gutzumachen. Denn gerade beim Thema Vandalismus ist die Wiedergutmachung wichtig.

Das Interview führte Veronika Kerschbaumer
 
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