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Zusammenspiel vs. Doppelspiel

Vandalismus als Ausdruck fehlgeschlagener Kommunikation: Plädoyer für einen offenen Dialog, der das Öffentliche und Gemeinsame in den Fokus stellt.

von Walter Lorenz*


Vandalismus – der Begriff ist ein Signal, das aus Urzeiten unserer Zivilisation herschwingt und gleichzeitig in jeder Generation neue Aufschreie erzeugt. Die Vandalen zogen als Stamm im Zuge der Völkerwanderung über die westliche, damals noch römisch geprägte Zivilisation her und haben den Ruf, Trümmer der Zerstörung hinterlassen zu haben, vor allem nachdem sie 455 Rom geplündert hatten. Ihnen verwandt waren die Goten, die entsprechend „barbarisch“ auftraten, gleichzeitig aber auch für eine Zeit der Hochblüte unserer westlichen Kultur verantwortlich gemacht wurden, nämlich die Gotik als einer der Renaissance ursprünglich „barbarisch“ erscheinenden Kunstform.

Schrei nach Wahrnehmung
Vandalen symbolisieren also grundsätzlich einen Umbruch in der Gesellschaft, eine Herausforderung an die stabile Ordnung, eine Zumutung, die aber gleichzeitig nach Erneuerung ruft und nur durch grundlegende Veränderungen zu beantworten ist. Vandalismus schmerzt, und dies nicht nur so nebenbei, sondern absichtlich, weil er Empörung erzeugen will. Hinter jedem Akt des Vandalismus steht der Schrei, „ich will, dass ihr mich wahrnehmt, ich hinterlasse meine Spuren so, dass ihr mich nicht ignorieren könnt“. Nur versteckt sich hinter diesem Schrei ein verschlüsseltes „Ich“, das sich zu erkennen geben will und gleichzeitig versteckt, und es richtet sich an eine Menge als „Ihr“, die wahllos gewählt sind, die nicht ein persönliches Gegenüber bilden, die vielmehr die Allgemeinheit vertreten, aber deshalb gerade immer die Falschen sind, die eigentlich gar nicht gemeint sind.

Fehlgeschlagene Kommunikation
So stellt Vandalismus immer eine versuchte aber fehlgeschlagene Kommunikation dar zwischen denen, die um die Anerkennung ihrer Identität besorgt und daher verunsichert sind, und jenen, die gar nicht gemeint sind, aber stellvertretend für „all die anderen“ zu leiden haben. Meine früheste Begegnung mit Vandalismus war in England, zu der Zeit, als es noch keine Mobiltelefone gab, die vandalisierte Telefonzelle. Man wollte einen Anruf machen, vielleicht sogar einen Notruf tätigen, und dann war das Kabel zum Hörer abgeschnitten oder der Münzschlitz mit Kaugummi zugeklebt. Solche Begegnungen erregten Wut – eine andere Wut als die, die in mir hochstieg, als in meine Wohnung eingebrochen wurde in jener Gegend, in der ich als Sozialarbeiter tätig war. Da wurden kaum Gegenstände gestohlen, aber die Wohnung in entsetzliche Unordnung versetzt. Diese Wut galt mir – und ich konnte zumindest versuchen, die Motive der Täter herauszufinden und sie zur Rede zu stellen. In der Telefonzelle war ich ein anonymes Opfer, stellvertretend für eine Gemeinschaft, zu der ich eigentlich gar nicht gehörte.

Unentschlüsselbare Botschaften
Die Ambivalenz zwischen gewollter Anonymität und (fehlender) Identität und damit eine fehlgeschlagene Form der Kommunikation kommt in jedem Akt des Vandalismus zum Ausdruck. Am deutlichsten zeigt sich dies dann auch in einem Bereich, in dem es um visuelle Aufschreckung geht, nämlich durch Graffiti. Ausgehend von der Hip-Hop-Kultur New Yorks in den 1970er Jahren breiteten sich die charakteristischen Zeichnungen und Kürzel auf Wänden und Transportmitteln allmählich über die ganze westliche Welt aus und verbreiteten ihre unentschlüsselbare Botschaft. Dieser Umstand steigert das Ärgernis über Vandalismus noch zusätzlich, denn über den Schaden an meist öffentlichem Besitz hinaus macht jemand eine ihm wichtige Botschaft total öffentlich und hält die Bedeutung dennoch privat in dem Sinne, dass nur wenige Eingeweihte, eine verschworene Subkultur, die Botschaft entschlüsseln können. Ja, aus Sicht der Täter gibt es sogar oft noch die Rechtfertigung, dass es sich bei ihren Zeichen um „Kunst im öffentlichen Raum“ handle und damit um einen Protest gegen das traditionelle Verständnis von Kunst. Wo die einen Kunst vorwiegend als etwas Privates ansahen, das man zum Schmuck der eigenen vier Wände benutzt oder in gut geschützten Galerien ausstellt, beanspruchten die anderen öffentliche und allen zugängliche Räume für die Verbreitung von Kunstwerken, hinter denen sich dann auch Künstler halb verbergen, halb enthüllen und mit diesem Doppelspiel wiederum auf Anerkennung setzen. Aber auch im Anspruch auf Anerkennung als Kunst kommt in öffentlichen Graffiti der Aspekt der Regelverletzung bewusst zum Ausdruck. Die Künstler wollen Konventionen brechen. Aber zumindest lässt sich diese Art der provokativen Kommunikation noch entziffern. Die Versuche, diese Kommunikation durch organisiertes Bemalen von öffentlichen Wänden zu regulieren, wie es etwa an der Unterführung auf dem Weg zum Bahnhof in Brixen praktiziert wird, stoßen immer wieder an ihre eigenen Grenzen. Denn in ästhetisch anregenden Wandmalereien findet das Provozieren oft zu wenig Ausdruck, und einige Beteiligte fühlen sich berufen (ob es nur Jugendliche sind, lässt sich schwer ermitteln), ihre Anliegen dennoch an diese Wand zu bringen in der Form von obszönen, amourösen oder politisch motivierten Ausrufen.

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Wir brauchen einen offenen Dialog über gemeinsame Werte (Foto: Arno Dejaco)


Gesellschaft im Umbruch
Schon immer hat in der Soziologie das Ausmaß des „Regelbrechens“ als Hinweis darauf gegolten, dass sich das System von gesellschaftlichen Werten und Normen im Umbruch befindet. Eine Gesellschaft mit einer hohen Anzahl von Regelbrüchen kann sich nicht
darauf einigen, welche Normen nun tatsächlich Geltung besäßen. Dabei muss aber gleich bedacht werden, dass ein „normaler“ Prozentsatz an Devianz für den Erhalt der Normen einer Gesellschaft unerlässlich ist, da er hilft, die Grenzen des annehmbaren Verhaltens zu definieren und sichtbar werden zu lassen.
Unbestritten ist, dass Akte des Vandalismus Schaden und Ärgernis erzeugen und erzeugen wollen – aber nicht unbedingt bei denjenigen, die für die fehlende Kommunikation verantwortlich sind. Und wie bei jeder Kommunikation, die schiefläuft, entsteht auch hierbei ein Teufelskreis weiterer Missverständnisse. Die von Vandalismus Betroffenen bauen sich ein – meist falsches – Bild von den Tätern auf, fällen Pauschalurteile, weil man die wahren Täter ja nicht zu sehen bekommt, und verlangen härtere Kontrollen und Strafen. Dies wiederum bestätigt den Tätern, dass sie von der Gesellschaft insgesamt nicht verstanden werden bzw. dass ihnen nur Ablehnung widerfährt und sie sind geneigt, ihre Provokationen auszuweiten.

Ein offener Dialog ist gefragt
Zu bedenken gilt es in solchen Situationen zweierlei: Das Ausmaß von Zerstörungen an öffentlichem Gut, sei dies in der Form von Graffiti, im Zerstören von öffentlichen Parkanlagen oder im achtlosen Deponieren von Müll auf Straßen, ist ein Indikator dafür, ob überhaupt allgemeine Werte in einer Gesellschaft Akzeptanz finden und gemeinsam gepflegt werden. Dabei kann es nicht darum gehen, die gemeinsamen Werte mit Drohmitteln und Strafen durchzusetzen, was immer nur eine begrenzte Wirkung hat, sondern Bedingungen zu schaffen, dass sich möglichst viele Mitglieder einer Gesellschaft in diesen Werten wiederfinden können und diese Werte auch Anerkennung ausdrücken für ihre jeweilige Lebensweise bzw. die dahinter stehenden Intentionen. Dies wiederum erfordert zweitens, Wege und Kanäle der Kommunikation zu schaffen, über die Meinungen zu diesen Werten ausgetauscht werden können. Wer nicht auf gewaltfreiem Weg Gehör findet, schafft sich leicht durch zerstörerische Taten Aufmerksamkeit. Zudem gilt es zu beachten, dass Gewalt gegen öffentliches Gut nicht nur von devianten Mitgliedern der Gesellschaft ausgeht – sie geht auch sehr häufig von öffentlichen Einrichtungen aus, etwa wenn alte Bäume im Stadtbild plötzlich über Nacht abgesägt oder vertraute ältere Häuser abgerissen werden, Straßen immer mehr öffentliches Land einnehmen, Einkaufszentren und Parkplätze ehemalige offene Spielplätze beanspruchen. All diese Veränderungen schmerzen, rütteln am Gefüge unserer Werte und stellen uns vor neue Aufgaben, die nur im offenen Dialog zu lösen sind – sonst schafft sich der Unmut auf unkontrollierte Weise Platz.

Vandalen, wie Goten, lösen Bestürzung aus, bergen aber auch das Potential weitreichender kultureller Veränderungen. Zwischen der gewaltsamen Abwehr gegen ihre Einflüsse und dem unbedachten Sich-Hinwegschwemmen-Lassen liegt die Möglichkeit zum Dialog. Dann beginnen die Zeichen und Provokationen eine deutlichere Sprache zu sprechen, in der auch eine verständlichere Antwort gegeben werden kann. Vandalismus konfrontiert uns alle mit der Frage: Klaffen die Wertvorstellungen unserer Gesellschaft so weit auseinander, dass wir nicht mehr miteinander kommunizieren können? Wie gestalten wir eine Gesellschaft, an deren gutem Zusammenspiel alle ein gemeinsames Interesse haben, oder geht es in unserer Gesellschaft hauptsächlich darum, sich einen persönlichen Vorteil zu verschaffen, so dass das Gemeinsame, das Öffentliche niemanden mehr interessiert? Hören und lesen wir diese Zeichen der Unruhe – sie haben uns viel zu sagen!

*Walter Lorenz ist Professor für Sozialarbeit an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen und war von 2008 bis 2016 Rektor der Freien Universität Bozen. Er lebt in Klausen,
Fraktion Verdings.
 
Mittwoch, 8. November 2017

Die Stadt Brixen folgt mit der internationalen Auszeichnung „Alpenstadt des Jahres“ den Städten Tolmezzo (I/2017), Tolmin (Sl/2016) und Chamonix (F/2015)


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